Was steckt hinter Verzerrung, Deepfakes und News Deprivation?

Es gibt Diagnosen, die so oft wiederholt werden, dass ihre Wiederholung selbst zum Beweis ihrer Richtigkeit wird. Auch die Rede von medialer Desinformation ist in gewisser Weise eine solche. Kaum ein Begriff hat in den vergangenen Jahren ähnlich viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen: in Leitartikeln und Regierungserklärungen, wissenschaftlichen Konferenztiteln und medienpolitischen Strategiepapieren, Selbstbeschreibungen von Faktencheck-Initiativen und den Pressemitteilungen von Plattformkonzernen, die erklären, wie entschieden sie das Problem bekämpfen.

Das World Economic Forum stufte Desinformation in seinem Global Risks Report 2024 sogar als das größte globale Risiko ein – vor Klimawandel, geopolitischen Konflikten und wirtschaftlicher Instabilität (WEF 2024). Die Europäische Union hat mit dem Digital Services Act und dem AI Act eigene Regulierungsarchitekturen errichtet. Nationale Medienanstalten haben Monitoring-Einheiten eingesetzt. Stiftungen fördern Faktenchecks in industriellem Maßstab. Lehrstühle wurden gegründet, Fachzeitschriften lanciert, Förderprogramme aufgelegt. Der Desinformationsdiskurs ist längst selbst eine Infrastruktur – mit eigenen Institutionen, Förderlogiken, Karrierepfaden, Konferenzen und einem Arsenal an Begriffen, die den Phänomenbereich der Fehlinformation immer weiter ausdifferenzieren: Misinformation, Des- oder Disinformation, Malinformation, Influence Operations oder Computational Propaganda.

Desinformation gilt als entscheidendes Risiko für demokratische Öffentlichkeiten und nimmt Erscheinungsformen an, die an Reichweite und Raffinesse gewinnen – und gleichzeitig ist sie längst zum politischen Kampfbegriff geworden: Wer entscheidet nach welchen Kriterien über den Deutungsrahmen von richtiger und falscher Information? Erfassen wir das Phänomen in seiner Gesamtheit? Blenden wir möglicherweise strukturell zusammenhängende Gefährdungen stabiler Öffentlichkeit aus? Desinformation im engeren Sinne ist nicht das einzige Symptom der tiefen Informationskrise. Es lohnt sich ein genauerer Blick auf die Krisenphänomene der Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts – auf Symptome, die sich gegenseitig verstärken und überlagern.

Ein Beitrag des Wissenschaftsportals defacto hat diese Frage im April 2026 mit ungewohnter analytischer Schärfe formuliert und dabei ein Gegenkonzept in den Vordergrund gerückt, das im öffentlichen Diskurs bisher wenig thematisiert wurde: sogenannte News Deprivation – gemeint ist die zunehmende Abkehr und Unterversorgung weiter Bevölkerungsteile mit Nachrichten überhaupt. Betroffen ist damit nicht allein die Frage, welche Informationen Menschen aufnehmen, sondern ob sie überhaupt noch welche aufnehmen (defacto 2026). Die Ergebnisse dieses News-Deprivation-Konzeptes werfen unbequeme Fragen auf: Wird die vorherrschende Debatte um Desinformation zu eng geführt – und greift sie tief genug, um die eigentliche Krise unserer Informationsgesellschaft zu erfassen?

Immer mehr Menschen meiden Nachrichten

Der Reuters Institute Digital News Report, die weltweit umfassendste jährliche Studie zur Nachrichtennutzung mit Datenbasis aus mittlerweile 48 Ländern und fast 100.000 Befragten, dokumentiert einen eindrücklichen Trend: Der Anteil derjenigen, die Nachrichten aktiv zu vermeiden versuchen, steigt kontinuierlich und beschleunigt sich. In Deutschland gaben 2024 bereits 69 Prozent der erwachsenen Internetnutzer*innen an, Nachrichten mindestens gelegentlich aktiv zu vermeiden – ein Anstieg von vier Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. 2025 erreichte dieser Wert mit 71 Prozent eine neue Rekordmarke (Behre et al. 2024 & 2025). 41 Prozent der Befragten fühlen sich von der Menge verfügbarer Nachrichten erschöpft – ein Wert, der 2019 noch bei 26 Prozent lag. In der jüngsten Altersgruppe empfindet mittlerweile jeder Zweite diese Erschöpfung. Und die international vergleichende Perspektive verstärkt den Befund: Weltweit vermeiden 39 Prozent der Befragten Nachrichten manchmal oder oft – zehn Prozentpunkte mehr als 2017 (Newman et al. 2024). Dieser Trend ist in fast jedem Land zu beobachten, besonders stark in Spanien, Brasilien, Deutschland und Finnland.

Das sind deutliche Zeichen eines gesellschaftlichen Rückzugs aus dem Informationsraum, der in seiner Breite und Beschleunigung bemerkenswert ist – und der sich nicht allein durch individuelle Präferenzen erklären lässt. Menschen vermeiden Nachrichten nicht in erster Linie, weil sie nicht erkennen können, was wahr ist. Sie vermeiden sie, weil die permanente Konfrontation mit Kriegen, Krisen und Katastrophen emotional überwältigt und die gefühlte Handlungsohnmacht wächst. Als wichtigsten Grund nennen 48 Prozent der Deutschen die negativen Auswirkungen auf die eigene Stimmung; 39 Prozent empfinden schlicht zu viel über Kriege und Konflikte berichtet – und fühlen sich von der Nachrichtenmenge erschöpft (Behre et al. 2024). Das ist kein bloßer Rückzug aus Gleichgültigkeit. Es ist in vielen Fällen ein Rückzug aus Überforderung, Reizüberflutung und Selbstschutz – mit strukturellen Konsequenzen, die weit über individuelles Befinden hinausgehen.

Das klassische Desinformationsnarrativ setzt voraus, dass Menschen Nachrichten konsumieren, dabei falsche Informationen aufnehmen und in ihren Überzeugungen fehlgeleitet werden. Das Gegenmodell, das sich aus den Reuters-Daten aufdrängt, verschiebt diese Perspektive grundlegend: Ein wachsender Teil der Bevölkerung verlässt den Informationsraum nicht durch den falschen Eingang – er verlässt ihn überhaupt. Welche Demokratiegefährdung geht von diesem Problem aus, dass immer mehr Menschen aus dem öffentlichen Diskurs aussteigen, bevor sie überhaupt auf potenzielle Desinformation stoßen? Diese Frage ist nicht bloß rhetorischer Art. Sie verweist auf Informationskrisen demokratischer Öffentlichkeit, die gemeinsam betrachtet werden müssen.

Hier liegt ein epistemisches Grundproblem, das für das Verständnis des Desinformationsdiskurses entscheidend ist. Desinformation ist, strukturell gesehen, ein mehr oder weniger gut messbares Phänomen. Bestimmte Inhalte lassen sich identifizieren, nach Merkmalen klassifizieren, in ihrer Verbreitung tracken. Es gibt Faktenprüfung mit etablierten Methoden, automatisierte Erkennungssysteme, Datenbankabgleiche, Netzwerkanalysen sozialer Medien. Das macht Desinformation längst nicht in all ihren Facetten sicht- und kontrollierbar, aber politisch adressierbar. Man richtet Monitoring-Einheiten ein, veröffentlicht Transparenzberichte, formuliert Gesetze, beantragt Fördermittel – zunächst unabhängig davon, wie objektiv, ausgewogen und wirksam diese tatsächlich sind.

News Deprivation entzieht sich dieser Logik auf strukturell komplementäre Weise. Die Abwesenheit von etwas ist schwerer zu messen als seine Präsenz. Wer Nachrichten nicht liest, taucht in keiner Reichweitenstatistik auf. Wer aus dem Informationsraum ausgestiegen ist, hinterlässt keine digitale Spur, die sich in einem Dashboard visualisieren ließe. Wer keine politischen Urteile auf Basis von Informationen bildet, weil er schlicht keine aufnimmt, produziert keine Daten, die erfassbar und analysierbar wären. Das Unsichtbare hinterlässt eben keine Spur – und kann somit auch keine politische Wirkung entfalten.

Hinzu kommt eine Asymmetrie der institutionellen Logiken, die diesen Effekt verstärkt. Desinformation lässt sich als Problem benennen, für das externe Akteur*innen verantwortlich gemacht werden können – intransparente Plattformen, die zu wenig moderieren, Institutionen, die einseitige Informationen streuen und politische oder private Akteur*innen, die irreführende Inhalte produzieren. Die Problembekämpfung liegt dann bei Regulierungsmaßnahmen oder technischen Systemen, bei investigativen Formaten, zivilgesellschaftlichen Faktenchecks und Förderung von Medienkompetenz. News Deprivation verweist auch auf die Relevanz des Journalismus selbst, auf redaktionelle Prioritäten, auf die Frage, wen Medien eigentlich noch ansprechen und für wen sie produzieren. Das ist eine unbequeme Diagnose – und sie trifft nicht bloß externe Informationsgefährder*innen, sondern (auch) den Journalismus selbst.

Auch Framing und Diskursverzerrung führen potenziell zu Desinformation

Desinformationsforschung ist ein wachsendes Feld – und das betrifft nicht nur die Wirkung von Desinformation, sondern vor allem ihre Reichweite und gesellschaftliche Verortung. Studien, die die Exposition gegenüber sogenannten Fake-News-Websites im US-Wahlkampf 2016 ausgewertet haben, zeigten: Solche Inhalte wurden zwar von bestimmten Gruppen konsumiert – ihr Anteil am gesamten Medienmix der meisten Nutzer*innen blieb jedoch marginal (Guess et al. 2019; Allcott & Gentzkow 2017). Andrew Guess und Kolleg*innen haben zudem gezeigt, dass die Exposition gegenüber Falschinformationen stark auf politisch bereits mobilisierte und ideologisch voreingenommene Gruppen konzentriert war – Personen, deren Überzeugungen durch die Inhalte weniger geformt als bestätigt wurden (Guess et al. 2019). Solche Befunde schärfen den Blick dafür, dass das Phänomen vielschichtiger ist, als die politische Debatte es oft darstellt.

Doch wäre es ein Fehler zu glauben, Desinformation sei bloß ein Randgruppenphänomen. Der Begriff selbst ist enger gefasst als das eigentliche Problem es verlangt: Diskursverzerrung, politisches Framing und die Engführung öffentlicher Debatten sind kein Privileg extremistischer Akteur*innen – sie sind tief in den Strukturen des Mainstreams verankert. Wie selektiv Nachrichtenagenden gesetzt werden, welche Stimmen Sichtbarkeit erhalten und welche systematisch ausgeblendet werden, welche Deutungsrahmen als selbstverständlich gelten und welche als erklärungsbedürftig – das sind Fragen, die sich nicht erst an den Rändern des politischen Spektrums stellen. Die mediale Corona-Berichterstattung etwa hat das mit einer Deutlichkeit gezeigt, die noch längst nicht vollständig aufgearbeitet ist: Die gesellschaftliche Polarisierung wurde maßgeblich durch das Framing von Leitmedien mitgeprägt – durch spaltende Darstellungen, Engführungen des vertretbaren Meinungskorridors und explizite oder implizite Delegitimierung kritischer Positionen, bevor diese überhaupt sachlich diskutiert worden waren. Akzentuierung, Weglassung und Tonalität sind dabei die subtileren, schwerer fassbaren Formen der Diskursverzerrung – und gerade deshalb besonders wirkmächtig.

„Desinformation“ ist längst zum nationalen wie globalen politischen Kampfbegriff geworden. US-Präsident Donald Trump nutzt den Vorwurf der Fake News immer wieder zur pauschalen Delegitimierung kritischer Medien. Russland und China bezeichnen die westliche Berichterstattung – etwa über den Ukraine-Krieg oder Menschenrechtsverletzungen – systematisch als Desinformation. Das europäische Desinformations-Monitoring „EUvsDisinfo“ wurde wiederum vom Europäischen Rechnungshof selbst dafür kritisiert, dass seine institutionelle Einbettung beim Europäischen Auswärtigen Dienst Fragen zu seiner Unabhängigkeit aufwirft (Europäischer Rechnungshof 2021). In der Corona-Pandemie wurden kritische Positionen – etwa zu Laborhypothese, Impfung oder zur Verhältnismäßigkeit bestimmter Maßnahmen –, immer wieder vorschnell und ohne wissenschaftliche Evidenz als Desinformation eingestuft. Wer also bestimmt, was als Desinformation gilt – und nach welchen Kriterien? Die Antwort ist längst zur politisch umkämpften Machtfrage geworden.

Aus medienpsychologischer Perspektive entfalten falsche oder verzerrende Informationen ihre größte Wirkung unter spezifischen Bedingungen: dort, wo Unsicherheit und Orientierungslosigkeit herrschen, wo bestehende Ressentiments durch die Inhalte anknüpf- und bestätigbar sind und wo der „Illusory Truth Effect“ zum Tragen kommt – jene kognitive Neigung, häufig wiederholte Aussagen für wahr zu halten, unabhängig von ihrem tatsächlichen Gehalt (Steinebach et al. 2020). Dieser Mechanismus ist nicht auf explizite Falschinformation beschränkt. Er greift ebenso dort, wo dieselben einseitigen Narrative, verdichteten Frames und dieselbe selektive Faktenauswahl durch bloße Wiederholung an Überzeugungskraft gewinnen.

Strukturelles Framing betrifft ebenso soziale Medien wie Qualitätszeitungen. Sie legen nicht nur fest, welche Themen Relevanz verdienen; ihre Deutungsrahmen bestimmen auch, wo die Probleme liegen, wer oder was dafür als verantwortlich gilt und welche – impliziten oder expliziten – Handlungsempfehlungen daraus folgen. Filterblasen und Echokammern, die oft primär als Phänomen von Extremgruppen diskutiert werden, sind längst auch in der Mitte der Gesellschaft zu finden: Digitale Fragmentierung betrifft nicht bloß eine randständige Minderheit, sondern strukturiert die Informationsräume großer Bevölkerungsteile – quer durch politische Lager, Generationen und Milieus.

Wenn Hass und Empörung viral gehen

Verstärkt wird dieser Effekt unter Bedingungen, die generative KI mittlerweile in bislang unbekanntem Ausmaß herzustellen vermag: sprachlich kohärente, scheinbar kompetente, emotional anschlussfähige Texte – präzise auf Wirkung optimiert, massenhaft skalierbar und nahezu ohne redaktionellen Aufwand produzierbar – können Überzeugungen verschieben, ohne dass dies den Rezipierenden bewusst ist (Illia et al. 2025; Dahm & Hermeneit 2025). Hier liegt eine neue, qualitativ andere Dimension des Informationsproblems: KI-gestützte Desinformation wird zur industrialisierten Überzeugungsarchitektur – eine, die bestehende Mechanismen der Diskursverzerrung in ihrer Reichweite potenziert und zugleich die Erkennbarkeit des Problems weiter erschwert. Gleichzeitig verweist die Forschung auf indirekte Effekte, die sich nicht auf einzelne Falschinformationen und ihre Wirkung auf Einzelpersonen reduzieren lassen.

Die massenhafte Verbreitung von ungeprüften Inhalten und Angeboten, die journalistische Standards untergraben, produziert eine atmosphärische Verschiebung: Sie normalisiert bestimmte Kommunikationsformen – Zuspitzung, Empörung, Verdächtigungsrhetorik –, erodiert geteilte Wirklichkeitsannahmen und macht die politische Instrumentalisierung von Misstrauen gegenüber etablierten Medien leichter (Steinebach et al. 2020; Neuberger 2022). Das Beispiel Chemnitz (2018) illustriert diese Dynamik: Nach einem tödlichen Messerangriff durch zwei Asylbewerber – von denen einer trotz Ausreisepflicht noch im Land war – trafen ungeprüfte Gerüchte auf eine bereits hochgradig polarisierte Debatte über Migrationspolitik. Rasant verbreiteten sich in sozialen Netzwerken auch Fehldarstellungen zum Tathergang, die das ohnehin tiefe Misstrauen gegenüber Politik und Medien weiter radikalisierten. Dies befeuerte sowohl die Mobilisierung rechter Gruppen, die den Vorfall als Beleg für Staatsversagen werteten, als auch massive zivilgesellschaftliche sowie ihrerseits radikalisierte linke Gegenproteste. Dabei war nicht eine einzelne Falschmeldung entscheidend, sondern ein Gemenge aus realen Missständen, emotionaler Aufladung und Faktenverzerrungen (Steinebach et al. 2020).

Desinformation überzeugt in Krisen weniger durch isolierte Verzerrung oder Falschinformation. Vielmehr instrumentalisiert sie bestehendes Misstrauen und beschädigt die Möglichkeit einer gemeinsamen Wirklichkeitswahrnehmung nachhaltig. Ein schwindendes Vertrauen in Medien und öffentliche Institutionen ist seinerseits eine der wichtigsten Triebkräfte von News Deprivation – womit sich der Kreis zwischen beiden Phänomenen schließt. An dieser Stelle lohnt ein Schritt zurück: Inwiefern ist der Desinformationsdiskurs selbst ein gesellschaftliches Framing? Welche Realitäten konstruiert er, welche blendet er aus, wer beansprucht nach welchen Kriterien die Deutung über Wirklichkeit – und wessen Interessen bedient er, ob gezielt oder unbeabsichtigt?

Die klassische Debatte zur Desinformation in digitalen Gesellschaften erzählt von einer Welt, in der das Grundproblem demokratischer Öffentlichkeit vor allem ein Problem identifizierbarer Akteur*innen, falscher Inhalte und zu wenig aufgeklärter oder medienkompetenter Bürger*innen ist. Sorgfältige Faktenprüfung ist ohne Zweifel entscheidend für gute, qualitativ hochwertige und vertrauensvolle Berichterstattung und gesellschaftliche Informationskontrolle. Die Vorstellung vollständig neutraler Faktenchecks erweist sich jedoch als illusorisch – und wird damit Teil jenes Problems, das sie zu lösen vorgibt. Institutionell eingebettete Faktenprüfer:innen beanspruchen dann die Deutungshoheit über Wirklichkeit, ohne dass berechtigte Zweifel an ihrer Neutralität noch kritisch hinterfragt werden.

Auch Faktenchecks formen Informationen: über die Auswahl geprüfter Aussagen, über herangezogene Quellen, Interpretation von Daten, Zahlen und Kausalitäten, über Setting, Framing und Gewichtung. Hinter dem Faktencheck steht auch immer die Frage: Wer finanziert oder unterstützt die Organisation und in wessen Dienst steht sie möglicherweise? So steht zum Beispiel das Correctiv, eines der etabliertesten Faktencheck-Institutionen im deutschsprachigen Raum, immer wieder wegen Finanzierungsabhängigkeiten von Stiftungen und öffentlichen Mittelgebern und des Vorwurfs politisch selektiver Prüfung in der Kritik (Gall & Krüger 2025; Freidel 2025). Kritische Stimmen weisen darauf hin, dass eine Faktencheck-Organisation nicht glaubwürdig als neutrale Instanz zwischen Wahrheit und Unwahrheit auftreten kann, wenn sie selbst nicht unabhängig ist – sondern Teil des Diskurses, den sie zu beurteilen beansprucht (Kucklick, Niggemeier & Zimmerman 2024).

Algorithmen, die Realität und Sichtbarkeit verzerren

Was in der Desinformationsdebatte oft aus dem Blick gerät, sind tiefer liegende strukturelle Dimensionen: Aufmerksamkeitsökonomien, Plattformlogiken, wirtschaftlich ausgezehrte Redaktionen, wachsende soziale Fragmentierung, politische Entfremdung – und jene subtilen Formen der Informationsverzerrung, die kein bloßer Faktencheck so einfach erfasst, weil sie durch Gewichtung, Rahmung, Auslassung und Leerstellen entstehen. Faktenprüfung, Plattformregulierung und technische Erkennungssysteme sind wichtig – aber sie sind nicht per se neutral, transparent und wirksam. Und sie adressieren noch nicht die Frage, warum wachsende Teile der Bevölkerung aus dem Informationsraum aussteigen. Wie können stabile Öffentlichkeiten bestehen, wenn sie immer größere Teile der Gesellschaft nicht mehr erreichen – nicht bloß wegen falscher Informationen, sondern wegen der Abkehr von Nachrichten überhaupt?

Diese Verschiebung hat handfeste institutionelle Konsequenzen. Politische Aufmerksamkeit, Forschungsförderung und regulatorische Energie folgen Problemen, die man benennen und in Erfolgskennzahlen übersetzen kann. Ein Mediensystem, das gegen Desinformation kämpft, aber die Ursachen von News Avoidance strukturell nicht adressiert, erfasst nur einen Teil des Problems – und richtet sich an ein Publikum, das weiter schrumpft. Während Plattformunternehmen Aufmerksamkeit systematisch absorbieren, verlieren journalistische Angebote nicht nur ökonomisch, sondern auch gesellschaftlich massiv an Einfluss und Sichtbarkeit (Haarkötter 2024). Das ist kein düsteres Szenario kulturkritischer Stimmen – es wird durch Reuters-Daten, Branchenerhebungen und Nutzungsdaten digitaler Nachrichtenangebote gestützt.

Hier entsteht ein Paradox, das im Desinformationsdiskurs zu selten ausgesprochen wird: Plattformen, die als Hauptverbreitungswege von Desinformation identifiziert und regulatorisch adressiert werden, sind zugleich maßgeblich verantwortlich für den strukturellen Rückgang klassischer Nachrichtenrezeption. Sie konkurrieren um Aufmerksamkeit nicht bloß mit anderen News-Inhalten, sondern mit sämtlichen Angeboten – Unterhaltung, sozialer Vernetzung, Kurzvideos, Spiele-Apps – und verlieren diese zunehmend. Wer Desinformation auf Plattformen bekämpft, ohne deren Aufmerksamkeitsarchitektur zu verändern, bekämpft ein Symptom innerhalb der Struktur, die es erst erzeugt. Stärker in den Blick genommen werden muss die Architektur der Plattformen selbst – und was sie mit öffentlicher Kommunikation macht, zunächst unabhängig davon, ob die kursierenden Inhalte wahr oder falsch sind. Denn das Problem ist nicht allein, dass auf Plattformen falsche Informationen kursieren, sondern dass die Infrastruktur digitaler Öffentlichkeit nach Logiken gebaut ist, die mit demokratischer Informationsversorgung strukturell wenig zu tun haben – und die Desinformation, Diskursverzerrung und News Avoidance gleichermaßen begünstigen.

Algorithmen priorisieren keine gesellschaftliche Relevanz, sondern Engagement – und dieses entsteht durch emotionale Aktivierung: Zuspitzung, Empörung, Bestätigung oder Angst. Das ist keine Verschwörung, es ist Optimierungslogik: Was Menschen länger auf Plattformen hält, wird sichtbarer gemacht. Plattformen entscheiden über Sichtbarkeit nicht nach journalistischen Qualitätskriterien, sondern nach Wahrscheinlichkeit von Aufmerksamkeit, Interaktion und Verweildauer (Neuberger 2022). In diesem Umfeld profitieren Falschinformationen nicht durch bewusste Bevorzugung, sondern weil sie besonders gut in die Engagement-Architektur passen: emotional aufgeladen, einfach, bestätigend oder überraschend. Was hier wirkt, ist nicht nur Falschinformation im engeren Sinne – es ist die Beschleunigung einer Diskursform, in der Vereinfachung und Emotion belohnt werden, Differenzierung hingegen strukturell benachteiligt ist.

Dieselbe Architektur produziert zugleich jene Erschöpfung, die News Avoidance antreibt. Wer täglich mit einer algorithmisch sortierten Flut aus Krisenberichten, Empörungswellen, Katastrophenmeldungen und polarisierenden Zuspitzungen konfrontiert wird, ohne dass diese Flut je beendet oder geordnet wird, entwickelt verständlicherweise Vermeidungsstrategien. Der Rückzug aus dem Informationsraum ist so gesehen kein Versagen der Bürger*innen, sondern eine nachvollziehbare Reaktion auf eine dysfunktionale Informationsumgebung. Desinformation, Diskursverzerrung und News Deprivation sind, aus dieser Perspektive, keine voneinander unabhängigen Phänomene – sie sind Ausdrucksformen derselben strukturellen Krise innerhalb einer Plattformarchitektur, die auf Maximierung von Engagement optimiert ist, nicht auf die Förderung einer stabilen pluralistischen Öffentlichkeit.

Gleichzeitig verschiebt sich die Kontrolle über Sichtbarkeit strukturell und mit wachsender Geschwindigkeit. Inhalte werden produziert, aber ihre Reichweite wird algorithmisch vergeben. Journalistische Einordnung kann in einer Informationsflut verschwinden, die nach völlig anderen Kriterien sortiert. Dass Nachrichtenseiten sinkenden Traffic registrieren, weil KI-gestützte Suchübersichten Nutzer*innen Zusammenfassungen liefern, ohne dass diese das journalistische Angebot selbst aufrufen (Zimmer 2025), ist nur das sichtbare Ende einer tieferen Verschiebung: Die Kontrolle über Öffentlichkeit wandert weg von redaktionellen Entscheidungen, hin zu intransparenten Systemen, die weder demokratischer Kontrolle noch publizistischen Werten verpflichtet sind (Nölleke-Przybylski et al. 2025; Ingold 2025). Das ist keine bloße Desinformationsfrage – es ist eine Machtfrage.

Jenseits der Desinformationserzählung: Die blinden Flecken

Was folgt aus alledem? Nicht die Konsequenz, das Thema Desinformation zu relativieren. Koordinierte politische Desinformationskampagnen, KI-generierte Deepfakes, die politischen Akteur*innen falsche Worte in den Mund legen, industrialisiert hergestellte synthetische Inhalte, die journalistische Formate imitieren, politisches Framing, das öffentliche Debatten in Perspektiven und Möglichkeiten einengt – das sind reale Phänomene mit realen demokratischen Risiken (Steinebach et al. 2020; Dahm & Hermeneit 2025). Ihr Potenzial, durch generative KI in Reichweite, Überzeugungskraft und Produktionsgeschwindigkeit zu wachsen, ist kaum zu überschätzen. Was früher erheblichen Aufwand erforderte – täuschend echte Falschaussagen herzustellen, in glaubwürdigem Kontext zu verbreiten und zielgruppengenau zu variieren –, ist heute mit wenigen Klicks erreichbar (Dahm & Hermeneit 2025).

Was aus all diesen Beobachtungen folgt, ist eine entscheidende Perspektiverweiterung: Der vorherrschende Desinformationsdiskurs ist zu eng gerahmt. Er erfasst weder Bandbreite und Zusammenhänge der Symptomatik, noch die strukturelle Tiefe des Problems: etwa die algorithmische Verstärkung fehlgeleiteter Information, das diskursverzerrende Framing durch (Leit-)Medien, die politisch umkämpfte Frage nach der Deutungshoheit in einer undurchschaubar gewordenen Informationsflut, die wachsende Erschöpfung und den Rückzug wachsender Bevölkerungsteile aus dem Informationsraum. Und er läuft Gefahr, sich selbst zu immunisieren – indem er die Öffentlichkeit für ein Problem sensibilisiert, dessen eigentliche Dimensionen er zugleich ausklammert.

Eine demokratische Öffentlichkeit, die ihre Gefährdungen in ihrer vollen Reichweite erfassen will, braucht deshalb einen erweiterten Blick: auf die gesellschaftliche Tragweite der digitalen Informationskrise – von organisierten Manipulationskampagnen bis zur subtilen oder offenen Debattenverengung des Mainstreams, auf die algorithmischen Strukturen, die beides verstärken – und auf das wachsende Schweigen jener, die bereits ausgestiegen sind. Zu diesem erweiterten Blick gehört auch, was im Desinformationsdiskurs immer wieder erwähnt, jedoch strukturell ernster genommen werden muss: die Förderung von echter Medienkompetenz, digitaler Resilienz und Meinungsvielfalt. Nicht als pädagogisches Feigenblatt, sondern als demokratische Infrastruktur – als Grundlage dafür, dass Menschen überhaupt noch in der Lage und willens sind, Informationsangebote zu schätzen, ihnen zu trauen und sich an öffentlichen Debatten zu beteiligen.

Diese Phänomene sind keine Konkurrenten um den Status des wichtigsten Problems medialer Kommunikation – sie sind Dimensionen derselben Informationskrise der digitalen Gesellschaft. Das wiederkehrende pessimistische Bild vom drohenden Untergang des Journalismus meint nicht, dass nichts mehr produziert würde. Es meint, dass Reichweite und gesellschaftliche Resonanz auseinandergefallen sind – dass Inhalte entstehen und gleichzeitig verschwinden, in einer Informationslandschaft, die von Erschöpfung, Misstrauen, Verzerrung und algorithmischer Unsichtbarkeit geprägt ist (Haarkötter 2024).

Die entscheidende Frage, die jenseits des herrschenden Diskurses gestellt werden muss, lautet deshalb nicht nur: Wie bekämpfen wir falsche Informationen? Sondern auch: Welche Bandbreite hat Desinformation? Wie erreicht die moderne Informationsgesellschaft jene, die nicht mehr zuhören – und was hat sie dazu gebracht, sich abzuwenden? Keine dieser Fragen lässt sich vollständig beantworten, ohne die jeweils anderen mitzudenken. Und genau darin liegt der Ausgangspunkt für eine Medienpolitik und eine öffentliche Debatte, die dem tatsächlichen Ausmaß der digitalen Informationskrise gerecht werden. Denn eine informierte, pluralistische Öffentlichkeit ist keine Selbstverständlichkeit – sie ist ein Prozess, dessen Bedingungen im Angesicht von digitaler Fragmentierung, Technisierung und wachsender Erschöpfung immer wieder neu ausgehandelt werden müssen: durch Strukturen, die nicht überfordern, sondern orientieren, die nicht verzerren oder verengen, sondern zur echten Meinungsbildung einladen.

Im Text verwendete Quellen

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