Kaum ein Begriff hat die öffentlichen Debatten der vergangenen Jahre so stark geprägt wie „Desinformation“. Gemeint sind damit bewusst verbreitete falsche oder irreführende Informationen, die Menschen beeinflussen oder öffentliche Debatten verzerren sollen. Besonders seit dem Aufstieg sozialer Medien und künstlicher Intelligenz wird immer häufiger davor gewarnt, dass Desinformation demokratische Gesellschaften gefährden könnte. Diese Sorge ist nicht unbegründet. Das World Economic Forum bezeichnete Desinformation 2024 sogar als eines der größten globalen Risiken unserer Zeit – noch vor wirtschaftlicher Instabilität oder geopolitischen Konflikten (WEF 2024). Auch die Europäische Union reagierte mit neuen Gesetzen wie dem Digital Services Act oder dem AI Act. Gleichzeitig entstanden Faktencheck-Initiativen, Forschungsprogramme und neue Regeln für Plattformen.

Desinformation ist also ein ernstes Problem. Falsche Informationen können Vertrauen zerstören, Menschen gegeneinander aufbringen und politische Entscheidungen beeinflussen. Durch künstliche Intelligenz wird diese Entwicklung zusätzlich verschärft: Bilder, Stimmen oder Videos lassen sich inzwischen täuschend echt manipulieren. Solche gefälschten Inhalte werden als „Deepfakes“ bezeichnet. Forschende warnen deshalb zunehmend davor, dass digitale Öffentlichkeiten in Zukunft noch anfälliger für Manipulation, gezielte Einflussnahme und Vertrauensverlust werden könnten (Dahm & Hermeneit 2025). Dennoch konzentriert sich die öffentliche Debatte auf die Frage, welche falschen Informationen Menschen glauben. Doch weitere Frage sind hierbei entscheidend und es zeichnet sich ein weiteres Phänomen der Informationskrise ab, das oft weniger sichtbar ist: Immer mehr Menschen ziehen sich ganz aus dem gemeinsamen Informationsraum zurück.

Wenn Menschen Nachrichten vermeiden

Der Reuters Institute Digital News Report zeigt seit Jahren einen deutlichen Trend: Viele Menschen versuchen aktiv, weniger Nachrichten zu konsumieren. In Deutschland gaben 2024 bereits 69 Prozent der erwachsenen Internetnutzer*innen an, Nachrichten zumindest gelegentlich bewusst zu vermeiden (Behre et al. 2024). Weltweit lag dieser Anteil bei 39 Prozent – zehn Prozentpunkte mehr als noch 2017 (Newman et al. 2024). Besonders jüngere Menschen fühlen sich häufig von Krisenmeldungen, Konflikten und permanenter Negativberichterstattung erschöpft.

Dabei spielt nicht zwangsläufig Gleichgültigkeit oder mangelndes Interesse an Politik eine Rolle. Viele Menschen erleben die tägliche Informationsflut schlicht als belastend. Nachrichten vermitteln dann nicht mehr Orientierung, sondern Überforderung, Ohnmacht oder das Gefühl permanenter Alarmbereitschaft. Genau darin liegt ein ernstes Problem für demokratische Gesellschaften. Demokratie lebt davon, dass Menschen sich informieren, unterschiedliche Perspektiven kennenlernen und über politische Fragen diskutieren. Wenn sich jedoch immer mehr Menschen entscheidenden Informationen entziehen und aus öffentlichen Debatten zurückziehen, verliert Öffentlichkeit ihre verbindende Funktion.

Der klassische Desinformationsdiskurs geht häufig davon aus, dass Menschen Nachrichten konsumieren und dabei auf falsche Inhalte stoßen. Doch was passiert, wenn viele Menschen kaum noch Nachrichten lesen oder ihnen grundsätzlich ausweichen? Dann geht es nicht mehr nur um Manipulation durch falsche Informationen, sondern auch um den schleichenden Verlust gemeinsamer öffentlicher Debatten und geteilter gesellschaftlicher Wirklichkeit.

News Deprivation: Wenn Öffentlichkeit langsam verschwindet

Für diese Entwicklung gibt es inzwischen einen eigenen Begriff: „News Deprivation“. Gemeint ist damit eine zunehmende Unterversorgung mit Nachrichten und gesellschaftlich relevanten Informationen. Das Problem unterscheidet sich deutlich von klassischer Desinformation. Falsche Inhalte lassen sich vergleichsweise leicht erkennen und analysieren. Plattformen können Beiträge markieren, Faktenchecks veröffentlichen oder problematische Netzwerke untersuchen.

News Deprivation ist dagegen schwerer sichtbar zu machen. Wer keine Nachrichten liest, hinterlässt kaum Spuren – in keiner Statistik, keiner Plattformanalyse, keinem politischen Bericht. Gerade deshalb wird dieses Problem politisch oft weniger beachtet, obwohl es langfristig ähnlich folgenreich sein könnte wie Desinformation selbst. Forschende weisen darauf hin, dass sich demokratische Öffentlichkeit nicht nur durch Falschinformationen destabilisieren kann, sondern auch dadurch, dass sich Menschen zunehmend aus gemeinsamen Informationsräumen zurückziehen (Newman et al. 2024).

Hinzu kommt eine unbequeme Frage: News Deprivation verweist nicht nur auf Plattformen oder soziale Medien, sondern auch auf den Journalismus selbst. Warum fühlen sich viele Menschen von Nachrichten nicht mehr angesprochen? Warum erleben manche Berichterstattung eher als emotional belastend denn als hilfreich? Diese Fragen betreffen die Rolle von Medien in einer demokratischen Gesellschaft unmittelbar.

Verzerrung entsteht nicht nur durch Fake News

Desinformation bedeutet nicht nur, dass offen und gezielt Falschinformationen verbreitet werden. Öffentliche Debatten können auch auf subtilere Weise verzerrt werden. Medien entscheiden täglich darüber, welche Themen Aufmerksamkeit erhalten, welche Perspektiven sichtbar werden und welche Stimmen kaum vorkommen. Durch „Framing“ – also die Art, wie über ein Thema berichtet wird – beeinflussen sie, welche Probleme benannt, welche Ursachen genannt und welche Schlussfolgerungen nahegelegt werden. Dadurch prägen sie mit, wie gesellschaftliche Probleme wahrgenommen werden – und welche Lösungen überhaupt denkbar erscheinen.

Besonders deutlich wurde dies etwa während der Corona-Pandemie. Die gesellschaftliche Polarisierung jener Jahre entstand nicht bloß durch Falschinformationen in sozialen Medien, sondern auch durch die Art, wie Themen in klassischen Medien dargestellt wurden. Zuspitzungen, emotionale Rahmungen und ein verengter Raum zulässiger Meinungen prägten die Öffentlichkeit und vergrößerten deren Spaltung. Das zeigt: Auch seriöse Medien können – bewusst oder unbewusst – zur Diskursverzerrung beitragen. Deshalb wäre es zu einfach, das Problem allein bei sozialen Netzwerken oder politischen Extremen zu suchen.

Hinzu kommt ein psychologischer Mechanismus, den Forschende als „Illusory Truth Effect“ bezeichnen: Menschen halten Aussagen oft eher für wahr, wenn sie ständig wiederholt werden – selbst dann, wenn die Faktenlage unsicher ist (Steinebach et al. 2020). Das gilt nicht nur für offensichtliche Fake News, sondern auch für einseitige Narrative oder wiederkehrende Deutungsmuster in etablierten Medien.

Algorithmen, KI und Deepfakes verändern die Öffentlichkeit

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Funktionsweise digitaler Plattformen. Soziale Medien priorisieren nicht automatisch die sachlichsten oder wichtigsten Inhalte. Sichtbar wird vor allem das, was starke Reaktionen auslöst: Empörung, Angst, Konflikte oder emotionale Zuspitzung. Plattformen orientieren sich dabei vor allem an Aufmerksamkeit und Interaktion – nicht an journalistischer Qualität oder demokratischer Relevanz.

Das verändert öffentliche Kommunikation erheblich. Komplexe oder differenzierte Inhalte verbreiten sich oft schlechter als einfache und emotional aufgeladene Botschaften. Dadurch entsteht leicht eine Atmosphäre permanenter Aufregung, in der Differenzierung strukturell benachteiligt ist. Medienwissenschaftler*innen sprechen in diesem Zusammenhang von einer „Aufmerksamkeitsökonomie“, in der Reichweite häufig wichtiger wird als Einordnung (Neuberger 2022). Viele Menschen reagieren darauf mit Rückzug – was den Kreis zur News Deprivation schließt. Desinformation, Diskursverzerrung und Nachrichtenvermeidung sind deshalb keine voneinander unabhängigen Probleme. Sie sind unterschiedliche Ausdrucksformen derselben Informationskrise.

Durch künstliche Intelligenz wird diese Entwicklung zusätzlich beschleunigt. Heute lassen sich mit wenigen Klicks täuschend echte Bilder, Videos oder Stimmen erzeugen. Das Problem besteht dabei nicht nur darin, dass Menschen manipulierte Inhalte glauben könnten. Gefährlich ist auch der grundsätzliche Vertrauensverlust: Wenn irgendwann alles potenziell gefälscht wirken könnte, wird gemeinsame öffentliche Wirklichkeit instabil. Demokratie braucht jedoch ein Mindestmaß an gemeinsam akzeptierten Fakten und überprüfbaren Informationen. Gerade deshalb warnen Forschende zunehmend davor, dass KI-gestützte Desinformation eine neue Dimension erreichen könnte: Inhalte können schneller produziert, massenhaft verbreitet und gezielt auf bestimmte Gruppen zugeschnitten werden – mit einem Aufwand, der früher undenkbar gewesen wäre (Dahm & Hermeneit 2025).

Warum die Debatte breiter geführt werden sollte

Desinformation bleibt ein ernstes demokratisches Problem. Trotzdem reicht es nicht aus, nur gegen Fake News oder Deepfakes zu kämpfen. Ebenso wichtig ist die Frage, warum sich viele Menschen überhaupt aus dem Informationsraum zurückziehen – und wie Medien, Politik und Gesellschaft darauf antworten. Dabei kommt der Förderung von Medienkompetenz eine zentrale Rolle zu: Wer gelernt hat, Quellen zu prüfen, Framings zu erkennen und zwischen Meinung und Fakten zu unterscheiden, ist widerstandsfähiger gegenüber Manipulation – und zugleich eher in der Lage, Nachrichten als Ressource statt als Last zu erleben. Medienkompetenz ist deshalb kein pädagogisches Zusatzangebot, sondern eine Grundlage demokratischer Teilhabe.

Genauso wichtig ist die Frage nach Meinungsvielfalt: Eine gesunde demokratische Öffentlichkeit lebt davon, dass unterschiedliche Perspektiven sichtbar sind und gehört werden – nicht nur jene, die laut sind, gut in Algorithmen passen oder der vorherrschenden Meinung entsprechen. Phänomene wie Nachrichtenflucht (News Avoidance) und bewusstes Schweigen – ob in Netzwerken und sozialen Medien (Lurking) oder aus Angst, eine unbeliebte Meinung zu vertreten und ausgegrenzt zu werden (Schweigespirale) – verdeutlichen, dass Meinungsvielfalt immer wieder gefährdet ist. Wenn Medien und Plattformen echte Meinungsvielfalt fördern statt zu verengen, stärken sie das Vertrauen in öffentliche Debatten und senken die Schwelle zur Teilnahme.

Letztlich geht es nicht nur um einzelne falsche Informationen. Es geht um die Zukunft demokratischer Öffentlichkeit insgesamt: Wer informiert sich noch? Wer fühlt sich erreicht? Und wie kann eine Gesellschaft gemeinsame Debatten führen, wenn sich immer mehr Menschen davon abwenden? Eine informierte, pluralistische Öffentlichkeit ist keine Selbstverständlichkeit – sie ist ein Prozess, dessen Bedingungen immer wieder neu ausgehandelt werden müssen: durch Strukturen, die nicht überfordern, sondern orientieren, die nicht verengen, sondern zur echten Meinungsbildung einladen.

Diskussionsfragen für den Unterricht

  1. Warum vermeiden immer mehr Menschen Nachrichten – und welche Rolle spielen dabei soziale Medien und die Art der Berichterstattung?
  2. Welche Gefahren entstehen für eine Demokratie, wenn sich große Teile der Bevölkerung nicht mehr informieren?
  3. Worin unterscheiden sich Desinformation und News Deprivation – und warum könnte Letztere politisch schwieriger zu bekämpfen sein?
  4. Wie beeinflussen Algorithmen auf Plattformen wie TikTok, Instagram oder X, welche Informationen wir überhaupt zu sehen bekommen?
  5. Warum können Deepfakes gefährlich für öffentliche Debatten und das Vertrauen in Medien sein – auch dann, wenn niemand den gefälschten Inhalt selbst gesehen hat?
  6. Wie beeinflussen Medien durch Themenauswahl, Sprache und Darstellung unsere Wahrnehmung gesellschaftlicher Probleme – und ist das bereits eine Form von Verzerrung?
  7. Sollten Plattformen wie TikTok, Instagram oder X stärker reguliert werden – und wer sollte diese Entscheidung treffen?
  8. Welche Verantwortung tragen Journalist*innen in Zeiten von KI und sozialen Medien – und wo liegen die Grenzen ihrer Möglichkeiten?
  9. Was bedeutet Medienkompetenz konkret – und wie kann man lernen, Informationen, Quellen und Framings kritisch einzuordnen?
  10. Was braucht eine demokratische Gesellschaft, damit öffentliche Debatten funktionieren – und wer trägt dafür Verantwortung?

Quellen

Behre, J., Hölig, S. & Möller, J. (2024): Reuters Institute Digital News Report 2024 – Ergebnisse für Deutschland. Hamburg: Verlag Hans-Bredow-Institut (Arbeitspapiere des Hans-Bredow-Instituts, Projektergebnisse Nr. 72). Verfügbar unter: https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/94461.

Dahm, M. & Hermeneit, S. (2025): Künstliche Intelligenz im Journalismus. Grundlagen, Anwendungen und Herausforderungen automatisierter Medienproduktion. Wiesbaden: Springer VS. DOI: 10.1007/978-3-658-50090-0.

Haarkötter, H. (2024): Das Ende des Onlinejournalismus? In: Publizistik, 69, S. 541–554. DOI: 10.1007/s11616-024-00868-1.

Illia, L., Ballester-Ripoll, R. & Clausen, A. K. (2025): Fabricating CSR authenticity: The Illusory Truth Effect of CSR communication on social media in the AI era. In: Public Relations Review, 51(3). DOI: 10.1016/j.pubrev.2025.102588.

Ingold, A. (2025): Medien- und Plattformregulierung als Demokratievorsorge. In: DuD – Datenschutz und Datensicherheit, 49(12), S. 783–788. DOI: 10.1007/s11623-025-2183-3.

Neuberger, C. (2024): Journalismus und Journalismusforschung: Nein, das Ende ist nicht nahe – Eine Antwort auf Hektor Haarkötter. In: Publizistik, 69(4), S. 555–563. DOI: 10.1007/s11616-024-00869-0.

Newman, N., Fletcher, R., Robertson, C. T., Eddy, K. & Nielsen, R. K. (2024): Reuters Institute Digital News Report 2024. Oxford: Reuters Institute for the Study of Journalism, University of Oxford.

Nölleke-Przybylski, P., Evers, T., Nölleke, D., Altmeppen, K.-D., Meltzer, C. D., Rothenberger, L., von Nordheim, G. & Gossel, B. M. (2025): Kommunikative Interventionen in, im und durch Journalismus. In: Publizistik, 70, S. 614–648. DOI: 10.1007/s11616-025-00908-4.

Steinebach, M., Bader, V., Hoffmann, A., Straßer, A. & Thuer, S. (2020): Desinformation aufdecken und bekämpfen: Techniken und Handlungsoptionen zu Erkennung und Abwehr von Falschinformationen und Verschwörungstheorien. Darmstadt: Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie SIT.

World Economic Forum (2024): The Global Risks Report 2024. Davos: World Economic Forum. Verfügbar unter: https://www.weforum.org/reports/global-risks-report-2024.

Zimmer, C. (2025): Einsatz von KI in der SPIEGEL-Gruppe. In: Medienwirtschaft / MW. Perspektiven der digitalen Transformation, 22(3), S. 6–8.

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